Die Schmogrower Fastnacht
Eine historische Betrachtung

Neben den kirchlichen Festtagen gehört die wendische Fastnacht in den Dörfern des Spreewaldes wohl zu den wichtigsten Festen im Jahr.

Wenn die Tage länger werden, also ab Mitte Januar, beginnt die Fastnachtszeit. Sie dauert bis zum Beginn der Passionszeit Anfang März und fügt sich somit in das Arbeits- und Kirchenjahr der Menschen, die hier leben, ein.

Spinte in Schmogrow im Hause Domann, heute Mäder, Anna
[1] Spinte in Schmogrow im Hause Domann, heute Mäder, Anna

So ist es seit Menschengedenken auch in Schmogrow.

Noch unsere Omas trafen sich als junge Mädchen jährlich im Winter zur Spinte. Hier wurden die im Sommer geernteten Rohstoffe wie Wolle und Flachs verarbeitet. Schließlich wollte auch jedes ledige Mädchen zu seiner Heirat eine ausreichende Aussteuer vorweisen können.

Aber nicht nur gearbeitet wurde in den Spinnstuben. Vor allem wurde hier auch das kulturelle Gut eines Dorfes gepflegt, so Lieder gesungen und auswendig gelernt, Geschichten und Sagen weitergegeben.

Den jungen Burschen blieb der Zutritt zu den Spinnstuben für einen großen Teil des Abends versperrt, hierüber wachten die Spinnstubeneltern, die die Räumlichkeiten für einen Winter zur Verfügung stellten.

Zum Abschluss der Spinte holten die Burschen die Mädchen dann zur Fastnacht - man kann also sagen, dass die Spinte die Geburtsstube der heutigen Schmogrower Jugend ist.

Der historisch ältere Teil der Fastnacht ist das Zampern. Seine Wurzeln liegen in vorchristlicher Zeit.

Auch wenn heute niemand mehr daran glauben mag, so sollte das Zampern mit seinen kultischen Elementen wie Maskierung und Verkleidung, Tanz und Rutenschlagen Gefahren und Dämonen von der Dorfgemeinschaft fernhalten. Der weichende, dunkle Winter soll vertrieben und der nahende Frühling mit seinen neuen Lebensgeistern begrüßt werden.

Auch sind in Schmogrow bis in die heutigen Tage Zamperer mit Weiden- und Birkenruten zu erleben. Diese galten früher als "Lebensruten" und sollten die im Frühjahr neu aufsteigenden Lebenskräfte symbolisieren. Deswegen ging das Zampern damals wie heute mit viel Musik, Tanz und Lärm vor sich.

Verkleidete Zamperer. Vermutlich aufgenommen vor dem alten Saaleingang des Schmogrower Gasthauses
[2] Verkleidete Zamperer
Vermutlich aufgenommen vor dem alten Saaleingang des Schmogrower Gasthauses

Beim Zampern zieht die verkleidete Dorfjugend von Haus zu Haus. Mit viel Lärm und Musik werden die Bewohner begrüßt. Diese geben für das dargebrachte Ständchen Eier oder auch Geld an die Zampergesellschaft ab. Als Dankeschön wird die Hausfrau zu einem Tänzchen aufgefordert und der Hausherr zu einem Fastnachtsschnäpschen eingeladen.

Auch Trauerhäuser wollen sich nicht ausschließen. Zwar wird hier auf die Musik und viel Lärm verzichtet, ein entsprechender Obolus wird dennoch entrichtet. Die eingezamperten Gaben werden später beim Eieressen verzehrt, die finanzielle Unterstützung zur Durchführung der Fastnacht verwendet.

Heute trifft sich die Dorfjugend schon am Freitag, in der Regel am ersten Wochenende im Februar im seit Generationen bestehenden Dorfgasthaus zum Zampern im Ausbau.

Am Samstag werden dann die Bewohner im Ort bezampert. Der Samstag klingt traditionell mit einem Tanzabend aus.

Fastnachtsumzug in Schmogrow. Wahrscheinlich Ende der 1930-er Jahre.
[3] Fastnachtsumzug in Schmogrow
Wahrscheinlich Ende der 1930-er Jahre. Die Mädchen tragen zur Tanztracht noch die Haube

Am Sonntag heißt es dann für die Jugendlichen unseres Dorfes, besonders für die Mädchen, zeitig aufstehen. Gilt es doch die schönen wendischen Tanztrachten anzulegen um beim traditionellen Fastnachtsumzug dabei zu sein.

Das Ankleiden wird meist von älteren Frauen aus der Dorfgemeinschaft, den so genannten Ankleidefrauen, übernommen. Da das Interesse an der Fastnacht und den Trachten heute wieder größer geworden ist, haben auch jüngere Frauen unseres Dorfes das Ankleiden der Trachten erlernt und führen die schöne Tradition der Ankleidefrauen weiter.

Nicht selten sind neben neuen Trachten auch Trachten oder Trachtenteile zu bewundern, die teilweise von der Großmutter über die Mutter vererbt wurden. Treffpunkt zum Fastnachtsumzug ist wiederum das Traditionsgasthaus.

Männerfastnacht in Schmogrow im Saal des Gasthauses
[4] Männerfastnacht in Schmogrow im Saal des Gasthauses
Im Vergleich zur Jugendfastnacht tragen die verh. Frauen keine Schärpe zur Tracht

Sucht man die Wurzeln dieses im Vergleich zum Zampern relativ jungen Fastnachtsbrauches, so muss man in die zweite Hälfte des 19. Jhd. zurückschauen. Hier kam zum Zampern der Fastnachtsumzug hinzu. So entstand die wendische Fastnacht wie wir sie heute kennen.

Alle Mädchen trugen zum Umzug die wendische Tanztracht, zur damaligen Zeit mit Haube. Erst nach dem II. Weltkrieg, also etwa Mitte des 20. Jhd. verlor sich dieser zur kompletten Tanztracht gehörende Kopfputz in Schmogrow fast vollständig.

Noch bis ca. 1990 oblag es den unverheirateten Mädchen eine farbige Schärpe zur Tracht zu tragen. Die verheirateten Frauen trugen diese Schärpe nicht mehr. So konnte jeder, auch der nicht zum Dorf gehörige Gast, schnell erkennen ob seine Tanzpartnerin verheiratet war oder nicht.

Die Burschen des Dorfes waren im dunklen Anzug gekleidet. Ihnen steckte die Fastnachtspartnerin einen Strauß mit farbigen Bändchen als Erkennungsmerkmal an den Hut. Nach dem Eintanzen im Gasthaus und dem Vorlesen der Festordnung wird die Zusammenstellung der Paare bekannt gegeben. Danach erfolgt der Umzug durch das Dorf, bei dem bedeutende Mitmenschen, die sich um das Wohl von Gemeinde und Jugend verdient gemacht haben, einen Ehrenbesuch erhalten. Der Abend klingt dann beim Fastnachtstanz im Gasthaus aus.

Auch dem Fastnachtsumzug und -tanz sagte man geheimnisvolle Kräfte nach. So achtete man früher darauf, dass recht viel getanzt wurde. So war man sich sicher, dass der Flachs im neuen Jahr gut gedeihen würde. Auch sollten die Mädchen recht hoch springen und mit großen Burschen tanzen damit der Flachs hoch schießt.

Eine Besonderheit in Schmogrow ist bis auf den heutigen Tag, dass der Bursche als Gast im Elternhaus des Mädchens nach dem Fastnachtsumzug zum Essen eingeladen wird. Diese schöne alte Tradition ist ein Zeichen des Miteinanders der Generationen in unserem Dorf. Der Bursche dankt dem Hausherren mit einer „Flasche hochprozentigem“ die sicher nicht immer den Besuch "überlebt" hat.

Jugendfastnacht 1913 in Schmogrow
[5] Jugendfastnacht 1913 in Schmogrow
Ältestes, uns vorliegendes Foto einer Schmogrower Fastnacht. Es wurde noch im alten Saal des heutigen Gasthauses Marrack aufgenommen

Eine weitere Besonderheit der Schmogrower Fastnacht ist die Kljambaua, eine Art Schellenbaum, der von militärischen Paraden übernommen wurde. Sie wird beim Fastnachtsumzug von drei Jugendlichen in Gehrock und Zylinder vorangetragen. Auf der Rückseite ist die Jahreszahl 1875 eingestickt, die somit als Geburtsjahr der Schmogrower Fastnacht gilt.

Es ist wahrscheinlich, dass auch der Umzug so oder in ähnlicher Form schon länger durchgeführt wird – zumindest die Kljambaua und somit auch die Schmogrower Fastnacht begehen im Jahr 2005 nachweislich ihr 130. Jubiläum. Bei Restaurierungsarbeiten zum 120. Fastnachtsjubiläum im Jahr 1995 fanden sich unter dem Stoff Restaurierungsvermerke aus den 1930-er und 1970-er Jahren. Auch auf dem Fastnachtsfoto von 1913 ist die Kljambaua, wenn auch sehr unscharf, in der rechten hinteren Bildhälfte zu erkennen.

Früher wurde die Kljambaua nicht immer angemessen behandelt. Oft lag sie achtlos nach dem Ende der Fastnacht in einer Ecke des Saales und niemand kümmerte sich um sie. Die langjährige Wirtin Anni Marrack, geb. Vogt, hat Sie liebevoll über Jahrzehnte für die Jugend aufbewahrt.

Daraus entwickelte sich die schöne Tradition, dass die Wirtin die Kljambaua am Donnerstag vor der Fastnacht an die sechs ältesten Jugendlichen, den Jugendchef und das dienstälteste Vorstandsmitglied übergibt, die sie am Montag nach der Fastnacht an die Wirtin zurückgeben, die sie dann übers Jahr verwahrt. Diesen Jugendlichen obliegt es auch die Jahreszahl auf der Vorderseite der Kljambaua zu aktualisieren.

Jugendfastnacht 1939. Die letzte Fastnacht vor dem II. Weltkrieg
[6] Jugendfastnacht 1939
Die letzte Fastnacht vor dem II. Weltkrieg

Den bunten Reigen der Fastnachtsfeierlichkeiten beendet die Männerfastnacht. Früher nur aus Zampern und Tanzabend bestehend gibt es auch hier seit den 1990-er Jahren einen Fastnachtsumzug durch das Dorf. Seit dieser Zeit gehen auch die verheirateten Frauen in kompletter Tracht d.h. ohne Haube aber dafür mit Schärpe.

Es sei noch erwähnt, dass die Fastnacht den Menschen in unserem Dorf manch schöne Stunde geschenkt hat – sie hat aber auch manch traurige Zeit überdauert. So pausierte z. B. die Fastnacht während des II. Weltkrieges vorübergehend (wahrscheinlich 1940 bis 1945). Die Burschen waren an der Front und die Mädchen hatten in dieser schweren Zeit alle Hände voll zu tun das Dorfleben und die Wirtschaften aufrecht zu erhalten.

Nichts desto trotz blieb den Menschen die Hoffnung, dass in einer besseren Zeit auch in Schmogrow wieder die Fastnacht stattfinden wird. Und sie sollten sich nicht täuschen. Nach dem Krieg lebte die Fastnacht wieder auf und wird bis auf den heutigen Tag gefeiert.

Bildquelle:1, 4, 6 - Anna Mäder
2, 3, 5 - Silvio Schmoger
Reproduktion:Silvio Schmoger